Unterricht nicht gewährleistet

RIEDERICH. Der Stundenausfall ist hoch. So hoch, dass die Schülervertreterin der Gutenberschule Riederich, Vanessa de Leo, kaum mit einem guten Prüfungsergebnis rechnet. „Die Lücken in Deutsch, Englisch und Mathe sind groß“, sagte die 15-Jährige, die in diesem Jahr ihren Hauptschulabschluss machen möchte, anlässlich einer Podiumsdiskussion in der Aula der Gutenbergschule.

Allein im Zeitraum vom 23. September bis zum 9. Dezember sind an der Grund- und Hauptschule in Riederich 116 Schulstunden ausgefallen. Davon 111 an der Hauptschule. „Das Recht der Schüler unterrichtet zu werden, ist nicht mehr gewährleistet“, stellt die Elternbeiratsvorsitzende Irene Pickard-Klapwijk fest, die deshalb zur Podiumsdiskussion eingeladen hatte.

Die verlässliche Grundschule fordert ihren Tribut. Pickard-Klapwijk: „Fällt dort Unterricht aus, geht das zu Lasten der Hauptschule.“ Das räumt auch Schulleiter Giehrl ein. „Wir können nur einsetzen, was wir haben“. Die Verlässlichkeit der Grundschule sei zwingend vorgeschrieben, in der Hauptschule könne das dagegen nicht garantiert werden.

Offenbar ist es übliche Praxis: Ist ein Lehrer der Grundschule krank oder auf Fortbildung, wird er von einem Kollegen von der Hauptschule vertreten, wo dann Fehlstunden entstehen. Dass die so genannte Verlässlichkeit nur an Grundschulen festgeschrieben ist, wollten die anwesenden Eltern nicht recht einsehen. Auch Hauptschüler hätten schließlich Anspruch auf Unterricht und Betreuung. Da halfen die Erklärungen von Jürgen Wissenbach, dem Leiter des staatlichen Schulamtes Reutlingen, wenig. Die Verlässlichkeit der Grundschule sei familienpolitisch begründet, sagte er. Und: Der Unterricht nach der vorgeschriebenen Stundentafel sei an allen Schulen gewährleistet. Bei Unterrichtsausfall müsse eben der Ergänzungsbereich, zu dem auch Förderstunden zählten, herangezogen werden.

111 Stunden Unterrichtsausfall sei zwar nicht wenig, doch „insgesamt ist die Schule nicht schlecht, auch von den Grundbedingungen her“, sagte Wissenbach, der im Vergleich zu manch anderer Schule „paradiesische Zustände“ in Riederich ausmacht, dies wohl auch wegen der relativ kleinen Klassen.

Auch die Betreuung von zwei Klassen durch einen Lehrer hält er im Ausnahmefall für zumutbar, „weil die Schüler ja auch zur Selbstständigkeit erzogen werden“. Pickard-Klapwijk machte den Vorschlag, Hauptschulen die gleiche Möglichkeit zu geben wie Grundschulen. Die dürfen nämlich für kurze Zeit befristet selbst Lehrer anstellen, um Engpässe zu überbrücken. Die Vorsitzende des Landeselternbeirates, Elke Picker, unterstrich die Bedeutung von Förderstunden, die im Schulgesetz als Plicht-Unterricht aufgenommen werden müssten. Darüber hinaus befürchtet sie, dass der „Pisa-Schock langsam verebbt“.

Schule muss sich neu organisieren, forderte der SPD-Landtagsabgeordnete Klaus Käppeler, dessen Kollegen Karl-Wilhelm Röhm (CDU) und Dr. Horst Glück (FDP) aus zeitlichen Gründen die Teilnahme an der Podiumsdiskussion abgesagt hatten. Die Förderung von schwachen Kindern sollte Käppelers Meinung nach schon im Kindergarten beginnen. „Insgesamt brauchen wir ein anderes Schulsystem.“ Für Vanessa de Leo käme das zu spät. Für sie beginnt jetzt die Vorbereitung auf die Abschlussprüfung. (GEA)