Zukunft für die Zuckerrübe in Baden-Württemberg

OFFENAU. „Es muss alles getan werden, damit in Zukunft in Deutschland und besonders in den gut geeigneten Anbaustandorten von Baden-Württemberg noch Zucker aus heimischen Rüben erzeugt werden kann“. Mit diesem Ziel hatten der Arbeitskreisvorsitzende für den ländlichen Raum Gerd Teßmer, der Arbeitskreis Landwirtschaft und der örtliche Landtagsabgeordnete Reinhold Gall die Reise nach Offenau angetreten. Vorausgegangen waren Gespräche des SPD-Agrarsprechers Gerd Teßmer mit Zuckerrübenanbauern im Neckar-Odenwald-Kreis. Betriebe mit Lieferverträgen für Zuckerrüben werden nach der veränderten Zuckermarktordnung der EU direkt betroffen. Wie sie den Mitgliedern des SPD-Arbeitskreises mitteilten, befürchten sie erhebliche Einschränkungen und Einkommenseinbußen. Beim Fachgespräch in Offenau sollte mit den Vertretern baden-württembergischer Zuckerrübenanbauer und mit Vertretern der Südzucker GmbH ein intensiver Gedankenaustausch stattfinden, nachdem nun feststeht, was die Reform der Zuckermarktordnung an Belastungen und Verpflichtungen, aber auch an Marktsicherung und Zukunftschance für die Anbauer und die Verarbeiter bringt.

Zusammen mit dem SPD-Landtagsabgeordneten der Region um Offenau Reinhold Gall war der Vorsitzende des zuständigen Landtagsarbeitskreises MdL Gerd Teßmer mit den Arbeitskreismitgliedern MdL Birgit Kipfer, MdL Christoph Bayer, MdL Klaus Käppeler, wie auch Inge Kolesinski-Jelinek und Nils Opitz-Leifheit vom Wahlkreis- und Landtagsbüro angereist. Von den Zuckerrübenanbauern waren der Vorsitzende Joachim Rukwied, sein Stellvertreter Herbert Ziegler und Geschäftsführer Harald Wetzler zu diesem Termin nach Offenau gekommen. Die Südzucker AG hatte als Gesprächspartner für die SPD-Agrarpolitiker Werkleiter Wolfgang Vogl, Betriebsratsvorsitzenden Klaus Kohler, Gebietsleiter Manfred Kröhl, und Leiter der Rübeninspektion Johann Maier aufgeboten. Die Gemeinde Offenau war durch Bürgermeister Michael Folk vertreten.

Ein ausführlicher Betriebsrundgang mit den einzelnen Arbeits- und Verarbeitungsabläufen brachte den Parlamentariern den Weg des Zuckers vom Acker bis zur Verpackung näher. Auch wurde die breite Angebotspalette von Zucker in verschiedenen Formen und für verschiedene Anwendungsbereiche vorgestellt. Werkleiter Wolfgang Vogl und Betriebsratsvorsitzender Klaus Kohler machten in diesem Teil des Gesprächs schon auf erste Auswirkungen der neuen Zuckermarktordnung (ZMO) aufmerksam. So werden zukünftig die etwa 20 schon seit Jahren üblichen Auszubildenden erstmals nicht mehr übernommen werden können. Auch sollen ältere ausscheidende Mitarbeiter nicht mehr ersetzt und auf freiwilliger Basis – allerdings zeitlich begrenzt – Vorruhestandsregelungen angeboten werden.

Im weiteren Teil der sehr lebhaften und engagierten Diskussion machte der Verbandsvorsitzende der Zuckerrübenanbauer Joachim Rukwied deutlich, was er von der neuen ZMO halte, nachdem der SPD-Agrarsprecher Gerd Teßmer darauf verwiesen hatte, dass der seiner Meinung nach gerade noch akzeptable Kompromiss noch zu Teilen von der früheren Bundesregierung ausgehandelt worden war. Teßmer machte in seinem Eingangsstatement deutlich, dass die jetzige Anerkennung des Verhandlungsergebnisses als gerade noch akzeptabel auch mit den sozialdemokratischen Agrarpolitikern in Bund und Land erreicht worden sei.

Joachim Rukwied betonte, dass mit diesem Kompromiß endlich eine lange Reformdiskussion habe abgeschlossen werden können. Die Wirtschaftlichkeit der Zuckerrübe sei leider deutlich vermindert worden und die Einkommensentwicklung für Landwirte und Südzucker-Beschäftigte gestalte sich negativ, aber – so Rukwied – „die Reform bietet zumindest eine Chance, auch zukünftig aus Zuckerrüben Zucker herzustellen“. Aber auch wettbewerbsstarke Standorte in Mitteleuropa und besonders in Baden-Württemberg seien damit noch nicht gesichert und müssten die Kosten weiter stark senken.
Der Verbandsvorsitzende sagte aber auch, dass bei den WTO-Verhandlungen in Hongkong  „keine weiteren Zugeständnisse zu Lasten der europäischen Landwirtschaft gemacht werden dürfen“. Ein wesentlicher Faktor ist, dass die Importmengen seitens der LDC-Länder (lower developped countries) beschränkt bleiben – darauf habe die EU-Kommission zu achten.
Dass man  nun die Zeitabläufe verlängert und den Ausgleich verbessert habe, sei nur dann eine gangbare Lösung, wenn die Ausgleichszahlungen betriebsindividuell zu 100% an die Rübenanbauer gezahlt würden. Auch dürfe die Abschmelzung, wenn überhaupt, frühestens vier Jahre nach dem letzten Preisschnitt einsetzen. Obwohl die Anbauflächen in Baden-Württemberg, wie etwa in Hohenlohe, Bauland, Odenwald und Kraichgau, für die Zuckerrübe besonders geeignet sind, ist auch hier der Anbau im bisherigen Umfang und zu bisherigen Konditionen noch nicht gesichert.

Werkleiter Wolfgang Vogl und Betriebsratsvorsitzender Klaus Kohler sprachen deutlich aus, welche Konsequenzen die Reform für die elf deutschen Zuckerverarbeitungsstandorte und die dort Beschäftigten haben könnte. Wolfgang Vogl stellte Kostensenkungsmaßnahmen in den Vordergrund. Man reduziere die Energiekosten, man biete großzügige Altersteilzeit an und man ersetze ausscheidende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht mehr. Auch der Kostenblock „Transporte“ müsse auf den Prüfstand. Ob man damit um Werksschließungen herumkomme, sei noch offen.
Alle Gesprächsteilnehmer machten in ihren Beiträgen deutlich, dass sie mittels des Strukturfonds eine Chance sehen, den „Zuckerrübenanbau im ertragsstarken Baden-Württemberg auch in Zukunft zu halten“. (Gebietsleiter Manfred Kröhl).

Als ein weiteres Gesprächsthema bat MdL Gerd Teßmer, der sich schon seit über zehn Jahren für eine bessere Nutzung von nachwachsenden Rohstoffen im Energie- und Kraftstoff-Bereich einsetzt, um eine Einschätzung und Bewertung des Engagement von Südzucker im Bereich der heimischen nachwachsenden Rohstoffe. Inzwischen seien, so MdL Gerd Teßmer, die ersten Automobilhersteller mit Freigaben für Biodiesel, Pflanzenöle und Ethanol auf dem Markt. Im Elzmündungsraum seien schon recht fortgeschrittene Planungen für die energetische Nutzung von nachwachsenden Rohstoffen zu verzeichnen. Die Förderung von Non-Food-Pflanzen auf stillgelegten Flächen sei nicht mehr umstritten. Auch in Baden-Württemberg, das sich auf diesem Sektor bisher „wenig hervorgetan“ habe, entstehe nun ein Markt (Teßmer). Manfred Kröhl und Wolfgang Vogl machten deutlich, dass man im Bereich der nachwachsenden Rohstoffe neue Märkte sehe. Man gehe aber zusätzlich noch den Weg für innovative Produkte, wie etwa bei der Herstellung zuckerfreier Süßstoffe auf Zuckerbasis, die auch für Diabetiker geeignet seien. Durch den Ausbau der „Isomaltproduktion“ im Werk Offstein (Rheinland-Pfalz) habe Südzucker die Belegschaft aufstocken können.

In ihren Schlußworten betonten unabhängig von einander der Verbandsvorsitzende Joachim Rukwied und der SPD-Arbeitskreisvorsitzende Gerd Teßmer, dass man durch den gefundenen Kompromiß eine Chance für Baden-Württembergs Zuckerrübenbauern und für das Werk Offenau der Südzucker AG sehe und dass sich der mitunter harte und kämpferische Einsatz von den baden-württembergischen Politikern, Bauernverbandsvertretern und der Zuckerindustrie gelohnt habe,. „Vielleicht hatten wir die Verbandsvertreter nicht immer auf unserer Seite, aber glauben Sie mir, Sozialdemokraten wollen auch in Zukunft noch Zucker aus Zuckerrüben zu anständigen Preisen und nachhaltigen Anbaumethoden aus Deutschland“, betonte der SPD-Agrarsprecher Gerd Teßmer zum Abschluß, nachdem man sich gegenseitig für das gute und faire Gesprächsklima in einem so schwierigen und heiklen Bereich bestätigt hatte.

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