Wandel setzt einen Konsens voraus

"Bildung ist der wichtigste Rohstoff" und "Grundlage für die Zukunft": Solche Aussagen gelten als Allgemeinplätze, doch bei der Umsetzung von Konzepten erweist sich oftmals das fehlende Geld als Hemmschuh.

In welche Richtung also soll der Kurs gehen, den der neu gewählte Landtag einschlagen wird? Diese Frage stand im Mittelpunkt der Podiumsdiskussion am Mittwochabend. Die Gesamtelternbeiräte der Münsinger Schulen und Kindergärten grenzten das Thema im Café Ikarus in Buttenhausen durch Fragen auf fünf Themenbereiche ein. Antworten erhielt das Publikum von den Landtagskandidaten Klaus Käppeler (SPD) und Dominic Esche (Grüne) sowie Elke Kaden als Vertreterin für FDP-Kandidat Andreas Glück. Eine Absage ohne einen Vertreter zu benennen, sandte der CDU-Landtagsabgeordnete und Kandidat Karl-Wilhelm Röhm. Auch Linke-Kandidat Eberhard Jaensch sagte die Teilnahme ab.

Eingangs ging es um die Umsetzung des Konzepts Ganztagesschule vor dem Hintergrund der Frage "Darf Bildung vom Geldbeutel abhängen?" Dem erteilte Grünen-Kandidat Esche eine klare Absage: "Alle brauchen die gleichen Chancen". Die Ganztagesschule will er als "Regelfall" einführen, auf Frontalunterricht verzichten und die Schulstunden abwechslungsreicher gestalten. Als wichtigen Beitrag für die Vereinbarkeit von Berufsleben und Kindererziehung wertete Elke Kaden die Ganztagesschulen. Zudem könnten diese unterschiedlichen "Bildungsbiografien nivellieren" und leichter besondere Fähigkeiten fördern. Eingerichtet werden sollten sie dort, wo dies gewünscht ist. Sie sieht das Land hier auf einem guten Weg.

An die "völlige Ablehnung" von Ganztagesschulen noch vor zehn Jahren durch die CDU erinnerte Käppeler. Nach dem Förderprogramm der rot-grünen Bundesregierung wollen diese Schulform inzwischen 80 Prozent der Bevölkerung, so Käppeler. "Das Land hat nachgezogen", sagte der SPD-Kandidat, "aber dies muss jetzt dringend im Schulgesetz verankert werden, um Planungssicherheit an den Schulen zu schaffen". Für die weitere Ganztagesbetreuung sei zusätzliches pädagogisches Personal erforderlich.

Welchen Stellenwert genießt die Fortbildung? Für Elke Kaden nimmt deren Bedeutung zu, schließlich müsse der Lehrer in zunehmendem Maße Kinder mit unterschiedlichem Bildungsstandard und Kompetenzen in den Klassen zusammenbringen. Verbindliche Weiterbildungen in den Ferien lehnte sie allerdings ab, genauso wie Käppeler. Dieser beklagte obendrein einen Mangel an Qualität bei vielen Fortbildungen. Seiner Ansicht nach sollten Studenten gleich nach dem ersten Semester erste Erfahrungen im Schulleben sammeln können, um für sich festzustellen, ob der Beruf ihnen überhaupt liege. Um das immer stärker geforderte "individuelle Lernen" umzusetzen, müsse die "Diagnosefähigkeit" der Lehrer gestärkt werden. Esche wiederum möchte "am Bewusstsein der Lehrer ansetzen". Wer Lust habe zu unterrichten, dem falle die individuelle Förderung der Kinder leichter, um deren Stärken besser herauszustellen.

Welche Möglichkeiten sehen die Kandidaten für einen gemeinsamen zehnjährigen Schulunterricht? Als Ziel benannte Käppeler die "zehnjährige Basisschule". Dies funktioniere in Ländern wie zum Beispiel Finnland oder Kanada einwandfrei. Doch er charakterisierte das Schulsystem als "Tanker". Veränderungen müssten schrittweise erfolgen. Rasch umsetzbar sei beispielsweise die Abschaffung der Grundschulempfehlung. Denkbar erscheint ihm auch die Teilung der Schüler nach sechs Klassen, ohne jedoch zwischen Real- und Hauptschule zu unterscheiden. Viel "Sprengstoff" steckt seiner Einschätzung nach im Thema "Inklusion", also einer Schule, die alle Kinder unabhängig von möglichen Beeinträchtigungen, unterrichtet. "Mittlerweile gibt es die Verpflichtung zur Aufnahme von Kindern mit Behinderungen im Regelschulsystem", sagte Käppeler. Aber: Kultusministerin Marion Schick habe vorgegeben, dies müsse kostenneutral erfolgen. Derzeit müssten Förderschulen Stunden abgeben, die aber wiederum für die Regelschule nicht ausreichend seien.

Für einen langsamen Wandlungsprozess zur zehnjährigen Basisschule plädierte auch Esche. Die Schulen sollten sich an der Basis entwickeln. Hohen Stellenwert genieße die angestrebte Inklusion nicht zuletzt deshalb, weil auf diese Weise soziale Kompetenzen wie Rücksichtnahme, Respekt und Solidarität vermittelt würden. Aus der Sicht von Kaden wiederum stellt die zehnjährige Basisschule eine "wunderschöne Utopie" dar. Doch es fehle am Konsens zwischen Eltern und Kommunen sowie den organisatorischen Möglichkeiten.

Um dem drohenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken plädierte Esche für eine Erhöhung der Anfangsgehälter, während Kaden ein eigenständiges Budget für die Schulen anregte. So könnten sich diese beispielsweise durch die Einstellung eines Schulpsychologen ein besonderes Profil geben. Die Bedeutung der Schulsozialarbeit unterstrich Käppeler, dennoch habe sich das Land aus der Finanzierung zurückgezogen. Um die Kommunen zu unterstützen, zahle der Kreis nun rund 300 000 Euro jährlich.

Für eine verstärkte Umsetzung des Konzepts "Bildunghaus" und damit der Kooperation zwischen Kindergarten und Schule sei ein Deputat von zwei Stunden pro Kindergartengruppe, kleinere Gruppen und mehr Personal erforderlich, sagte Kaden. Für eine Ausbildung der Erzieherinnen an pädagogischen Hochschulen und deren Bezahlung nach dem Vorbild von Grundschullehrerinnen trat Käppeler ein und traf sich hier mit Esche.

Alb-Bote online, 18.02.2011

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