Unveröffentlichter Leserbrief zur LPK „Ländlicher Raum“

Gerd Teßmer
Mitglied des Landtags von Baden-Württemberg
SPD-Landtagsfraktion
Vorsitzender des Arbeitskreises Ernährung und Ländlicher Raum

An die Redaktion der
Schwäbischen Zeitung
Stellungnahme (Leserbrief) zum
Artikel vom 16.01.2004

Leserbrief (Stellungnahme) zu Ihrem Bericht vom 16. Januar 2004
„SPD: Bauern den Herausforderungen nicht gewachsen“

Sehr geehrte Damen und Herren der Redaktion,

Ihren Bericht über meine gestrige Pressekonferenz kann ich so nicht unwidersprochen lassen. Da macht sich eine ganze Fraktion die Mühe, ein Positionspapier als Handlungsperspektive für den ländlichen Raum zu erarbeiten, weist auf die Wichtigkeit und Bedeutung der Landwirte im Sinne einer Kultur bäuerlicher Familienbetriebe hin und dann wird in dem Bericht Ihrer Zeitung es so dargestellt, als ob unsere Landwirte den aktuellen Herausforderungen „nicht gewachsen seien und umerzogen werden müssten“. Am liebsten würde ich die gesamte Zielrichtung in einem Redaktionsgepräch ausführlich erläutern. Wenn ich das Geschriebene tatsächlich so denken würde, hätte ich keine Berechtigung, agrarpolitischer Sprecher zu sein. Denn es war und ist mein Ziel, Politik für den ländlichen Raum in Zusammenarbeit mit dem prägendsten Teil des ländlichen Raums, den Bauernfamilien und besonders den Junglandwirten, zu gestalten. In vielen Gesprächen und Veranstaltungen habe ich das deutlich zu machen versucht und jetzt könnte durch die ersten beiden Abschnitte dieses Berichts der Eindruck erweckt werden, die Landwirte brauchten von der SPD Nachhilfe. Hilfe und Unterstützung ja, aber keine Belehrungen !

Um es noch einmal deutlich zu machen: Die SPD-Landtagsfraktion hat unter meiner Federführung eine Handlungsperspektive erarbeitet, wie man zusammen mit der Landwirtschaft, zusammen mit den bäuerlichen Familien und den Junglandwirten aber auch mit allen Kräften den ländlichen Raum mitbestimmen und mitgestalten will.
Und nun zum Einzelnen. Ihr Redakteur schreibt, „die Landwirte seien den aktuellen Herausforderungen nicht gewachsen und verstünden nichts von Marktwirtschaft“. Ich habe aber gesagt, dass bei den Folgen der Verwaltungsreform die Agrarverwaltung im ländlichen Raum auf der Strecke bleiben wird. Dadurch werde eine sinnvolle Aus- und Weiterbildung nicht mehr möglich. Woran es schon jetzt krankt, ist – abgesehen von der Hochschulausbildung in Nürtingen und Hohenheim – ein zentrales Aus- und Weiterbildungsangebot im Land wie es in Bayern die Ausbildungsstätte Triesdorf darstellt. Ich habe gefordert, dass in der Ausbildung mehr Markt- und Betriebswirtschaft und mehr Kooperationschancen gelehrt und aufgezeigt werden sollten als dies bisher der Fall ist. Deshalb fordert die SPD eine bessere Ausbildungsstruktur und ein „baden-württembergisches Triesdorf“, etwa im „Grünen Zentrum Boxberg“.
Zur Partnerschaft führte ich aus, dass in unseren bäuerlichen Familienbetrieben der Beruf wieder mehr Freude machen müsse und dass dazu Partnerschaft der Generationen und innerhalb der Familie gehöre. Wieso ich von der Partnerschaft in der Ehe nichts halten soll, ist mir unerklärlich. Gesagt (und gedacht) habe ich das auch nicht!
Dem Redakteur habe ich in einem Nachgespräch allerdings sehr wohl noch gesagt, dass zuviel Kapital in manchem Betrieb ungenutzt gebunden sei, weil man z.B. über Maschinenringe oder Kooperation weit häufiger gemeinsam nutzbare Maschinen einsetzen sollte. Insofern wurde die Passage mit dem Bauern als „Einzelkämpfer“ wenigstens richtig wiedergegeben.

Und nun zum Selbstwertgefühl: Für die SPD ist es unstrittig, dass das Ansehen des ländlichen Raumes an sich gegenüber dem Ballungsraum immer noch einen negativen Touch hat. Wenn einer „vom Land“ kommt, wird das nicht als Kompliment empfunden. Wir haben deshalb in unserem Papier darauf hingewiesen, und dazu stehe ich, dass im ländlichen Raum und damit auch in den bäuerlichen Familienbetrieben mehr Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein entstehen müsse, weil der ländliche Raum ein Wert an sich ist, so wie eben die Großstädte, nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.!

Vielleicht kann ich mit meiner Stellungnahme verdeutlichen, dass im ländlichen Raum Chancen und Energien schlummern, die es zu wecken gilt. Hier hat die Politik eine wichtige Aufgabe zu erfüllen und dabei spielen der Bauer und die Bäuerin eine wichtige Rolle. Der ländliche Raum ist mehr als nur Landwirtschaft, aber ohne eine einigermaßen flächendeckende Landbewirtschaftung durch unsere bäuerlichen Familienbetriebe kann er nicht sein !

Mit freundlichen Grüßen

Gerd Teßmer
Agrarpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion

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