Metzinger Eltern machen Druck für mehr G 9

Bis zum vierten Schuljahr scheint die Welt noch in Ordnung. »Eben da, wo die Kinder gemeinsam hingehen und lernen«, wie es Käppeler, Rektor der Hohensteinschule, ausdrückt. Danach gehe es los mit sozialer Ungerechtigkeit. »Bildungsbürgertum steht kontra Arbeiterfamilie«. Mit anderen Worten: Kinder mit gleichem IQ haben völlig unterschiedliche Möglichkeiten, je nachdem aus welchem Elternhaus sie kommen.

Lehrer mit Schichtendenken

Nach der IGLU-Studie empfehlen Lehrer Kinder aus der »obersten Schicht« bereits mit 537 Punkten ans Gymnasium, Kinder un- und angelernter Arbeiter müssen hierfür 614 Punkte erreichen. »Entgegen weitverbreitetem Vorurteil sind es also nicht die Arbeiter, die ihre Kinder nicht aufs Gymi schicken wollen, sondern Lehrer«, habe die Studie offengelegt, wie Käppeler erklärt. Baden-Württemberg sei Spitze in der Auswahl nach sozialer Herkunft. Längeres gemeinsames Lernen und Förderung ab dem Kleinkinderalter zählen zu den pädagogischen Leitgedanken der Regierung rot-grün. Seit Bismarcks’ Zeiten bestehe die Trennung ab der vierten Klasse. »Das ist viel zu früh!«, wie auch viele Pädagogen und Eltern im Saal bestätigen. Wo die 650 Millionen Euro denn geblieben seien, die in die Bildung geflossen sein sollen, interessiert einen Zuhörer. »In der Schule scheint wenig davon hängen geblieben zu sein!« Käppelers Antwort: »Jein! Nicht alles floss in die Schule. Bildung beginnt mit der Geburt und Betreuung gehört eben dazu«. So gebe es »immer mehr Kinder, die ganz schlecht sprechen und Logopäden benötigen«.

Die Aufstockung der Krankheitsreserve um 200 Lehrer-Stellen, damit die Unterrichtsversorgung (wenigstens halbwegs) gesichert ist, hebt Käppeler mehrfach hervor, aber auch die Förderung von Schulsozialarbeit und der »definitiv notwendige«, aber sehr kostspielige Ausbau von Kinderbetreuung gehöre dazu. Klar stellte der Rektor, dass eine Schule weder zur Ganztages- noch zu Gemeinschaftsschule werden müsse, schon gar nicht dazu gezwungen werde. »Die Welt und Gesellschaft verändert sich, auch eine Schule muss sich verändern und darf nicht sagen: Für Ihr Kind sind wir die falsche Schule!«

Immer mehr Schüler krank

Aus »kinderärztlicher Sicht« plädiert auch eine Zuhörerin, beschäftigt an der Uniklinik Tübingen, für die Gemeinschaftsschule. »Bereits Zwölfjährige stehen unter enormem Druck«. Die Zahl kranker Kinder mit psychosomatischem Krankenbild sei alarmierend und stark steigend. »Ihnen wird suggeriert, dass einem nur mit dem Gymnasium die Welt offen steht.« Apropos Gymnasium und G 9: »Wenn Eltern in dieser Richtung mehr Druck machen, könnte sich auch hier noch was ändern«, sagt Käppeler, der es bedauert, dass nur 44 Schulen im Land (darunter Metzingen) G 9 noch mal anbieten dürfen. »100 wären besser!«

Drückende bis wenig gute Prognosen bringe der demografische Wandel und starke Geburtenrückgang. Bereits 300 Schulen im Land hätten eine Kombi von 5. und 6. Klasse, weil Schüler fehlten. »Leider mit Recht können so manche um ihren Schulstandort gewaltig bangen«, sagt Käppeler. »Auf dem Land sind die Aussichten (noch) weniger rosig«.

»Wenn Schulen leer bleiben, müssen sich die Regionen zusammensetzen. Die eine oder andere Schule wird mittelfristig geschlossen werden müssen«. Schon in wenigen Jahren sinken die Schülerzahlen von 1,1 Millionen auf rund 900 000 Schüler. »Das stellt uns vor viele Aufgaben!«, weiß der Politiker. (GEA)

Quelle: Gea vom 19.03.13, Autorin und Foto: Patricia Kozjek

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