Leiden gehört zum Leben

Das 25. Symposium, das Mitglieder aus beiden Ländern zusammenführt, sollte eigentlich von Sozialministerin Katrin Altpeter eröffnet werden. Aber sie ließ sich entschuldigen und Grüße von MdL Klaus Käppeler ausrichten. Dieser war auch näher dran, wohnt er doch schon seit 1980 in der Nähe der Klinik und weiß deshalb "welche wichtige Arbeit hier geleistet wird". Seelische Erkrankungen, sei ein Thema, "das in der Gesellschaft wenig Beachtung findet, weil es nicht greifbar ist". Dabei steigen die Zahlen. Fast ein Drittel der Erwachsenen leidet an Depressionen, laut einer Studie der WHO soll diese Krankheit bis im Jahr 2020 an erster Stelle stehen. Umdenken ist angesagt. "Das Thema muss enttabuisiert werden," fordert Käppeler und verweist auf die Politik, genau auf das "Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz", das notwendige infrastrukturelle Rahmenbedingungen schaffe. Es sind Ärzte, Psychologen, Krankenschwestern und -pfleger, Beschäftigungstherapeuten, Soziologen, Philosophen, Historiker, Geistliche sowie Psychiatrieerfahrene und ihre Angehörigen, die jährlich zusammenkommen, sich weiterbilden und in Diskussionen austauschen.

Elmar Spancken, Mönchengladbach, hieß rund 160 Teilnehmer willkommen, Lukasz Cichocki, Krakau, übersetzte. Ganz ohne Worte kommt die Companie paradox, eine deutsch-polnische Theatergruppe, aus, die mit ihren anrührend eigenwilligen Masken und einer Putzaktion jeglichen Mief aus dem Festsaal vertrieb, die zeigte, so Spancken, "wie viel kreatives Potenzial in psychiatrisch therapeutischem Handeln steckt" und das an einem so "charmanten Ort" wie Zwiefalten.

"Mit großer Anteilnahme verfolgen wir in Polen und Deutschland die dramatischen Ereignisse in der Ukraine." Dies galt in erster Linie den Gästen aus Kiew, Odessa, Lemberg und Donezk. Noch vor einem Jahr, beim letzten Treffen in Breslau, "als sich schon die hoffnungsvolle Perspektive einer Assoziierung mit der EU abzeichnete", habe man sich nicht vorstellen können, dass die Menschen heute unter einem Krieg leiden müssen, "der Tod und Zerstörung in Regionen mit sich bringt, mit denen uns vor kurzem noch eine zukunftsgerichtete Zusammenarbeit verband". Man sei zutiefst solidarisch und hoffe auf eine friedliche Zukunft "unter Bewahrung Ihrer nationalen Einheit". Ein besonderer Gruß galt auch Gästen aus Israel.

Gerhard Längle, stellvertretender Geschäftsführer des ZfP Südwürttemberg, erwähnte die Zwiefalter Partnerschaft mit Andrychow in Polen, die Einblicke in die dortige Psychiatrie, einen fachlichen Austausch und freundschaftliche Kontakte ermöglicht. Der Kriegsbeginn vor 75 Jahren, "getrieben von ideologischem Größenwahn" blieb nicht unerwähnt: "Ich bin unseren polnischen Freunden sehr dankbar, dass sie bereit sind mit uns allen, die wir ihr Entsetzen über ein solches Geschehen teilen, zusammenzuarbeiten und eine neue Partnerschaft zu gestalten." Und zum Thema, das die gesamte Medizin betreffe: "Zu oft erleben wir, dass das Leid als nicht zum Leben gehörig ausgegrenzt, tabuisiert wird, und die leidenen Menschen damit an den Rand gedrängt werden." Klaus Decker, Patientenfürsprecher, gab zu bedenken, dass nicht das Schicksal, sondern der Mensch oft derjenige sei, "der Verletzungen hervorruft, die nicht vernarben wollen". Es gehe darum, Hoffnung zu vermitteln. "Sinn und Würde mit dem Leiden zu verbinden ist eine große Herausforderung."

Dieser stellten sich die Teilnehmer. Nachdem Bürgermeister Matthias Henne das ZfP ("Betreuung auf allerhöchstem Niveau") und die Gemeinde in ein gutes Licht gestellt hatte und Karina Aßfalg, Sopran, und Anna Prystromska, Klavier, die Gäste im feinen Prälatursaal bei einem einstündigen beeindruckenden Konzert in die Welt der Oper einführten. Die Sängerin stammt aus Russland, die Pianistin aus der Ukraine. Besser konnten die Vorzeichen fürs Symposium nicht sein.

Quelle: SWP vom 27.09.2014

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