„Inklusion gibts nicht zum Nulltarif“

"Anderssein als Vielfalt – Inklusion als Herausforderung": Unter diesem Motto hatte der Münsinger SPD-Ortsverein am Dienstagabend in die Gaststätte Älbler eingeladen. "Eine Veranstaltung, die interessant ist, und die interessiert", freute sich Ortsvereinsvorsitzender Jochen Klaß bei seiner Begrüßung. Immerhin 40 Bürger, darunter auch Bewohner des Wohnhauses Stadtmitte der BruderhausDiakonie, waren gekommen, um sich von den beiden Referenten, MdL Sabine Wölfle, Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion für Menschen mit Behinderung, sowie ihren Abgeordnetenkollegen Klaus Käppeler, schulpolitischer Sprecher, über aktuelle Entwicklungen informieren zu lassen.

Inklusion sei ein Thema, das den Nerv der Zeit treffe, betonte Klaß und Sabine Wölfle erklärte gleich zu Beginn ihres Referats, dass ihr die Inklusion ein Herzensthema sei. Erst am Vorabend habe sie auf einer Veranstaltung gesprochen, in der es um Inklusion im Sport gegangen sei: "Der Sport ist ein hervorragendes Instrument zur Inklusion".

Die Diskussion um die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention sei noch nicht so recht in Gang gekommen, befand Wölfle, weder im Bund noch in den Ländern.

Es werde deutlich, dass man die Inklusion erst in die Köpfe der Menschen hineinbekommen müsse. Ein wichtiger Aspekt dabei sei der Arbeitsmarkt. Wenn Menschen mit Behinderungen beispielsweise erfolgreich studiert hätten und danach keinen Arbeitsplatz erhalten, sei das ebenso schlimm, wie der Fall einer jungen Frau mit Down Syndrom, die auf der Suche nach Arbeit gegen verschlossene Türen laufe: "Die Unternehmen kaufen sich einfach frei".

Als großes Ärgernis bezeichnete sie die Tatsache, dass es Menschen gebe, die in Werkstätten für Behinderte arbeiten und bei denen man das Gefühl habe, dass man sie in den ersten Arbeitsmarkt schicken könne, dies aber doch nicht realisiere, weil sie, im Falle, dass es dann doch nicht klappe, nicht zurück könnten, arbeitslos würden. Ein weiterer Aspekt, den sie ansprach, sei der demographische Wandel, der unaufhaltsam "auf uns zu rollt". "Was ist mit den Menschen, die in Werkstätten arbeiten, wovon leben die später?", sprach sie das Problem fehlender Rentenversicherung an.

Klaus Käppeler sprach von großen Landesziel, "eine inklusionsfreundliche Gesellschaft zu gestalten". Man wolle die Bürger dazu mitnehmen, aber nicht überfordern. Es müsse deutlich gemacht werden, dass Anderssein das Normale sei: "Auf diesem Weg sind wir", zeigte sich Käppeler überzeugt. Andererseits weiß er auch, dass man "heute noch nicht sämtliche Herausforderungen des Themas Inklusion" lösen könne. Das Hauptproblem dabei sei das fehlende Geld: "Wenn wir gesetzlich etwas in diese Richtung beschließen, muss klar sein, wie viel Geld das kosten wird".

Klar sei schon jetzt, dass es kein absolutes Wahlrecht für Eltern geben könne, was die Schulwahl ihrer Kinder angehe, sondern nur ein qualifiziertes. Das bedeute, dass Schulen die Ablehnung der Aufnahme einzelner Schüler begründen müssen. Als Beispiel nannte Käppeler den teuren Einbau von Aufzügen in einer Schule, wenn die vergleichbare Nachbarschule über einen solchen verfüge.

Inklusion könne nicht Sache eines einzelnen Lehrers sein, sondern Thema der ganzen Schule, sagte der Leiter der Hohensteinschule. Und warf gleich noch eine weitere Frage auf: "Wo werden Sonderpädagogen künftig verankert sein?" Die bisherigen Förderschulen würden möglicherweise in Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren umgewidmet. Hier müsse noch geklärt werden, was die Kommunen, was das Land künftig zu zahlen hätten. Man habe derzeit Staatliches Schulamt, Jugendamt und Eingliederungshilfen und es sei ein großer Aufwand, dies zu koordinieren. Käppeler empfand es als wünschenswert, wenn all dies in einer Hand liegen würde, aber davon sei man noch weit entfernt. Bei den Kommunen sei die Angst groß, dass es künftig immer mehr Fälle gebe, für die sie bezahlen müssten: "Ich habe diese Angst nicht".

Bisher finde Inklusion vor allem in Grundschulen statt, auch in Haupt- und Werkrealschulen, stellte der Bildungspolitiker fest. Man müsse aber auch an Realschulen und Gymnasien weiterkommen.

Inklusion nannte Käppeler eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, zu deren Lösung der Bund beitragen müsse. "Ich hoffe, dass es in den nächsten vier Wochen positive Signale aus Berlin geben wird". Klar sei, dass es Inklusion nicht zum Nulltarif geben wird.

Den Referaten schloss sich eine engagierte Diskussion an. Bürgermeister Mike Münzing bekräftigte, dass die Förderschule Lautertal erhalten bleiben müsse, auch wenn viele Schüler an die Regelschulen abgehen würden: "Wir brauchen beides, Sonderschuleinrichtungen und Inklusionsmöglichkeiten an den Regelschulen". Die Auflösung von Förderschulen mit all ihren technischen Hilfsmitteln sei nicht angedacht, antwortete Sabine Wölfle. Sehr viele Eltern werden ihre Kinder auch weiterhin in speziellen Einrichtungen anmelden wollen.

Jochen Klaß ging nochmals auf den Arbeitsmarkt ein, warnte vor "Inklusionsromantik". Man versuche massiv, Menschen mit Behinderungen an den ersten Arbeitsmarkt zu führen, komme aber in der Regel nicht über Praktika hinaus. Wenns zum Schwur komme, würden die Unternehmen abwinken. Klaß plädierte daher auch für eine Erhöhung der Zwangsabgabe.

Quelle: SWP vom 07.11.13, Autor und Foto: Reiner Frenz

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