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23.06.14 18:21 Alter: 4 Jahre

Schwarzwildmanagement im Blickfeld

Claus Schmiedel, Chef der SPD-Landtagsfraktion, ließ sich am Mittwoch im Biosphärenzentrum das Projekt Schwarzwildmanagement vorstellen. Zwei Dutzend Akteure gaben einen umfassenden Zwischenbericht.


Klaus Käppeler und Fraktionsvorsitzender Claus Schmiedel informieren sich vor Ort

Von Emotionen, die sich beim Thema neues Jagdgesetz hochgeschaukelt hätten, sprach Claus Schmiedel, Fraktionsvorsitzender des SPD-Landtagsfraktion, am Mittwochabend im Münsinger Biosphärenzentrum. Man habe gedacht, dass sich die Akteure näherkommen würden, das sei aber nicht so. Jäger hätten Naturschützer als Gegner identifiziert. In der SPD-Fraktion habe man sich gesagt, dass man sich von der abstrakten Verbandsdebatte lösen, an die Basis gehen wolle. Schon auf dem Landesjägertag habe er gesagt, dass er sechs Veranstaltungen machen werde. In Münsingen finde jetzt die zweite statt. Er sei gespannt auf die Informationen, die er zum Schwarzwildmanagement erhalte, so Schmiedel. Niels Hahn, Projektbearbeiter von der Wilcon Wildlife Consulting, betonte im Beisein von zwei Dutzend ins Thema involvierten Fachleuten, dass man keine Diskussion über den Referentenentwurf zum Landesjagdgesetz führen werde. „Die Natur Natur sein lassen“ sei in „unserer Kulturlandschaft ein schwieriges Unterfangen“, so Hahn. Man habe im Zuge der Etablierung des Biosphärengebiets erkannt, dass die Einschränkung der Jagd in den Kernzonen Konfliktpotenzial bergen könne. Würden in den Kernzonen Rückzugs- und damit Vermehrungsräume entstehen? Sind jagdliche Einschränkungen überhaupt praxisgerecht? Ist eine effektive Bestandsregulierung möglich? Wie sieht es mit dem Wildschadensersatz aus? Diese und weitere Fragen hätten zum Projekt „Moderiertes Schwarzwildmanagement“ geführt, das Teil des Gesamtprojekts „Schwarzwildproblematik im Umfeld von Schutzgebieten“ der Wildforschungsstelle Baden-Württemberg sei. Forschungsgebiet ist die Kernzone „Föhrenberg“. Projektstart war vor einem Jahr, laufen wird es bis Ende 2015. Ziel ist die Erarbeitung eines mit allen Interessengruppen abgestimmten Schwarzwildmanagements. In einem Einstiegsworkshop seien 47 Einzelthemen notiert worden. Als Leitsatz sei formuliert worden: „Unter Berücksichtigung der Schwarzwildbiologie ist die regionale Population auf ein für die Landwirtschaft sinnvolles Niveau zu reduzieren. Ein konsequentes, dauerhaftes, kooperatives und gemeindeübergreifendes Schadensmonitoring mit Verortung der Ereignisse ist hierfür die Basis“. Curt Wizemann, ehemaliger Kreisjägermeister und Mitglied der lokalen Projektgruppe, berichtete, dass es keine verlässlichen Informationen über die aktuelle Schwarzwildpopulation und keine belastbaren Daten über die tatsächlichen Wildschäden gebe. Informationsfluss sei nicht gegeben, stattdessen würden Schuldzuweisungen oft zur Eskalation von Konflikten unter den Akteuren vor Ort führen. Dass dies auch anders geht, zeigte Norbert Reich auf, der die Wildschadensausgleichskasse St. Johann vorstellte. Diese habe sich als „Solidarkasse“ bewährt. In diese zahlt die Gemeinde pro Hektar Jagdpachtfläche 2 Euro, die Jagdpächter 1 Euro ein. Der Kontakt zwischen Jagdpächtern und Landwirten habe sich deutlich verbessert, so Reich. Allerdings sei die Anzahl erlegter Wildschweine in St. Johann immer noch zu niedrig. Interessant war, zu erfahren, wo Wildschäden auftreten. Nicht, wie vermutet, im Mais, (27,3 Prozent), sondern im Getreide (37 Prozent) und auf Wiesen (30,7 Prozent). Über das Wildschadensmonitoring in Münsingen sprach Curt Wizemann. Er betonte das Prinzip der Freiwilligkeit. Kein Schaden muss, jeder Schaden kann ins Monitoringsystem gemeldet werden. Beschlossen worden sei die Entwicklung eines internetbasierten Monitoringsystems. Dieses soll als Pilotprojekt angemeldet werden. Samuel Kick sprach das Thema Kirren an, also das Anlocken von Wildschweinen mit Futter. Wichtig sei es, dass die Futtergaben nicht noch mehr Wildschweine „erzeugen“, weshalb die Zahl der Kirrungen und die Futtermenge zu minimieren seien. Auch die Landwirtschaft liefert den Wildsauen Futter, etwa in Form des Getreideausputzes, wie von Markus Mayer zu erfahren war. Dieses könnte zur Kirrung verwendet werden was den Vorteil hätte, dass die Landwirte kurze Transportwege zur Entsorgung hätten, die Jäger weniger Mais kaufen müssten. Freilich sei es dringend nötig, einen gesetzlichen Rahmen zu schaffen. Peter Eberhardt ging in diesem Zusammenhang noch auf zusätzliche Nahrungsquellen ein, etwa in Form von Behelfssilos oder der Zwischenlagerung von Festmist. Er plädierte für die Sensibilisierung der Landwirte bei Informationsveranstaltungen und die Förderung des Erwerbs von Mulchgeräten. Claudia Baumann-Bläsius hatte die revierübergreifenden Bewegungsjagden als Thema. Probleme bereiten die Verkehrssicherungspflicht sowie „überjagende“ Hunde. Weitere Jagdthemen schnitten Klaus Franz und Curt Wizemann an, etwa Erntejagden, Saufang oder das Kreisen bei Schnee. Niels Hahn zog das Fazit, dass die lokale Projektgruppe ein Ziel vor Augen habe. Man begegne sich auf Augenhöhe, gehe vom Nebeneinander zum konstruktiven Miteinander über: „Dies ist ein mühsamer Prozess, aber die Gruppe stellt sich dieser Aufgabe“. Die wissenschaftliche Sicht stellte Peter Linderoth, Mitarbeiter an der Wildforschungsstelle der Uni Freiburg dar. 170 Hektar groß ist die Kernzone Föhrenberg. Aktuell seien acht Wildschweine mit gelben Senderhalsbändern versehen. 37 200 Ortungen wurden registriert, die belegen, dass die „Rotte standorttreu ist“. Vor Ort, nahe Gruorn, stellte Markus Handschuh eine der Untersuchungsflächen vor, die er für seine Doktorarbeit „Wildschweine als Habitatbildner“ ausgewählt hat. Er hat dazu Kamerafallen aufgebaut, die pro Minute ein Bild machen. Es geht ihm dabei vor allem um die Heidelerche, die stark vom Aussterben bedroht ist. Nutzt sie die Wühlstellen der Sauen stärker, als andere Flächen, ist eine der Fragen, die er beantworten will. Dazu müssen einige 100 000 Fotos ausgewertet werden, wobei Handschuh gerade auf der Suche nach einem dazu geeigneten Programm ist. Claus Schmiedel jedenfalls zeigte sich beeindruckt vom „unglaublichen ehrenamtlichen Engagement“, froh darüber, dass die Zusammenarbeit auf Augenhöhe stattfinde. Er sei jetzt gespannt auf die Ergebnisse, versprach bei der Präsentation wieder anwesend zu sein.

Quelle: SWP vom 20.06.14, Autor und Foto: REINER FRENZ