Ernährungserziehung

PLENUM 69. Sitzung, 06. April 2004

TOP 2: Ernährungserziehung und gesunde Kinderernährung: Das Land in der Verantwortung

Drucksache 13 / 2647 Antrag der Fraktion der Grünen und Stellungnahme und Antwort der Landesregierung

Herr Präsident, meine sehr geehrten Kolleginnen und Kollegen!

Nicht erst seit dem Antrag der Fraktion der Grünen wissen wir: Deutschlands dicke Kinder brauchen unsere Hilfe.

„Immer mehr Kinder verfetten“, „Kinder und Jugendliche entwickeln sich zu moppeligen Müßiggängern“ oder „Deutschland steht vor dem Fett-Desaster“, solche und ähnliche Schlagzeilen können wir regelmäßig lesen. Uns drohen amerikanische Verhältnisse.

Dabei soll nicht unerwähnt bleiben, dass es in den Schulen nicht nur zu viele übergewichtige Kinder gibt, sondern auch Kinder, die viel zu dünn sind. Vor allem Mädchen fühlen sich oft gezwungen, einem durch die Medien geprägtes Ideal- und Schönheitsbild zu entsprechen, ganz im Sinne des Jugendlichkeitswahns unserer Gesellschaft.

Alle Maßnahmen, die dieser Entwicklung entgegenwirken, die aufklären und letztlich zu Verhaltensänderungen bei den Betroffenen führen, sind zu begrüßen. Die von der rot-grünen Bundesregierung in Zusammenarbeit mit der Lebensmittelwirtschaft und den Sportverbänden errichtete Plattform „Ernährung und Bewegung“ muss alle Initiativen und Projekte miteinander verzahnen, die Ernährungsaufklärung, vermehrte Bewegung und sportliche Aktivitäten zum Ziel haben.

Bedenklich stimmt mich, dass besonders Kinder aus sozial schwächeren Schichten betroffen sind. In sozialen Brennpunkten liegt der Anteil übergewichtiger Kinder bei über 40%! Wenn wir wissen, dass daraus langfristig enorme Gesundheitskosten entstehen, die die Volkswirtschaft belasten, dann sollten gerade dort die Anstrengungen verstärkt werden, Kinder, Jugendliche und deren Eltern zu bewußterem Umgang mit ihren Körpern anzuleiten.

„Die Verantwortung für eine angemessene Ernährung ihrer Kinder ist Aufgabe der Eltern“, heißt es in der Antwort der Landesregierung auf die Frage, ob nicht Schulen zunehmend Verantwortung für ein vollwertiges Verpflegungsangebot übernehmen müssten. Mit dieser Einstellung macht es sich das Land zu leicht und hält die bedauerliche Entwicklung nicht auf!

Ich möchte die Eltern nicht aus der Verantwortung entlassen und häufig genug sind sie sich dieser auch bewusst. Aber es häufen sich Fälle, bei denen Lehrerinnen und Lehrer, die sich im Elterngespräch vorsichtig der Problematik des immer dicker werdenden Kindes nähern, zur Antwort erhalten: „Das ist unsere Privatangelegenheit und das geht Sie gar nichts an!“

Wir können natürlich weiter zusehen, wie Kinder als Frühstücksersatz schon morgens um 7.00 Uhr an der Flasche Cola hängen, den Hunger in der großen Pause mit fetten Pizzaschnitten stillen und sich in der Mittagspause mit Süßigkeiten voll stopfen. Oder aber, wir fördern Schulen, deren pädagogisches Konzept die Ernährungserziehung und die Bewegung als zentrale Elemente enthalten. Die Ganztagsschule bietet gute Möglichkeiten dazu, nicht umsonst werden Einrichtungen gefördert, die diesen Zielen dienen, wie z.B. Kücheneinrichtungen oder Sportgeräte. Dass die Genehmigung einer Ganztagsschule am Angebot eines Mittagstisches hängt, ist in diesem Zusammenhang nur folgerichtig und ist eine Antwort auf den Wandel in Familienstrukturen und veränderte Haushaltsformen. Wenn der größte Caterer mit Namen „subway“ in den USA innerhalb eines Jahres einen Zuwachs von 82% bei Sandwichs und Snacks verzeichnet, dann wird uns aufgezeigt, wohin auch bei uns verstärkt die Ernährungsreise geht: fast food statt geschmackvolle Zubereitung von Lebensmitteln.

Ernährungs- und Bewegungserziehung sollte aber nicht erst in der Schule beginnen, sondern schon im Kindergarten: Erzieherinnen bemühen sich beispielsweise, ihren Kindern Inhalt und Bedeutung eines gesunden Vespers zu vermitteln. Spätestens beim Versuch, ein ausreichendes Bewegungsangebot zu gewährleisten, stoßen sie an ihre Grenzen: Wenn bei einem Teil der 28 Kinder die Schuhe gebunden oder die Windeln gewechselt werden müssen, kann man sich leicht ausmalen, wie viel Zeit für sportliche Anleitung übrig bleibt.

Die Landesinitiative BeKi – Bewusste Kinderernährung versucht, die Thematik durch Fortbildungsveranstaltungen bei Lehrerinnen und Lehrern besser zu verankern. Sie ist ebenso sinnvoll wie die Ausbildung von 250 Fachfrauen für Kinderernährung – hauptsächlich Landfrauen – die in den Schulen praxisorientierte Unterrichtseinheiten anbieten. Ich gehe davon aus, dass dabei besonders auch der Wert regional erzeugter Lebensmittel im Mittelpunkt steht.

Langfristige Verhaltensänderungen werden entweder durch das Vorbild der Eltern oder – wo dies nicht vorhanden ist – durch praktischen Unterricht erzielt. Wenn nun in den Lehrerkollegien die praktische Ausrichtung entweder mangels Küche (z.B. bei den Gymnasien) oder weil es immer weniger ausgebildete HTW – Lehrerinnen und Lehrer gibt, nur noch bedingt durchgeführt werden kann, braucht man nicht erwarten, dass die nächste Generation von Müttern und Vätern weiß, dass „normale“ Lebensmittel nicht nur besser, sondern auch wesentlich preiswerter sind als die so genannten „Convenience“ Produkte, also Fastfood und Fertiggerichte.

Es nützt auch nichts, wenn die Bildungsstandards in wohlfeilen Worten und mit dem Verweis auf „Querverbindungen“ die Möglichkeiten eröffnen, tolle Fächer übergreifende Einheiten und Projekte im Zusammenhang mit Ernährung durchzuführen, die Kontingentstundentafel aber zu wenige Stunden für ergänzende Angebote bereitstellt und der Schwarze Peter dann in der Lehrerkonferenz hin- und hergeschoben werden muss, nach dem Motto: Was ist uns wichtiger: Bewegungsfreundliche Schule, Tastaturschulung, Guter Start in der Hauptschule, Klassenlehrerstunde, Mediation, usw. usw

Fazit:
Das Land hat sich bemüht, die Problematik im Zusammenhang mit Ernährung und Bewegung aufzugreifen. Aber wir wissen alle, was „hat sich bemüht“ in einer Personalbeurteilung bedeutet: Es reicht nicht aus. Die Anstrengungen müssen verstärkt werden.

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