Die Hauptschüler schämen sich

Auf Einladung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hatten am Montagabend Andreas Glück für die FDP, Dörte Conradi für die CDU (als Zweitkandidatin und in Vertretung für Karl-Wilhelm Röhm), Klaus Käppeler für die SPD, Dominic Esche für die Grünen und Eberhard Jaensch für die Linke auf dem Podium im "Museum" Platz genommen.

Ihnen und einer stattlichen Zahl von Zuhörern legte Dr. Hartmut Markert als Leiter des GEW-Vorstandsbereichs Allgemeine Bildung dar, wie er und seine Mitstreiter die Zukunft der Bildung sehen – beginnend bei der frühkindlichen Bildung. Dafür sollten kleinere Kindergartengruppen gebildet, die Fachkräfte besser ausgebildet und ihnen mehr Zeit zur Verfügung gestellt werden.

In der Grundschule gelte es selektive Ansätze zu überwinden, wie das in skandinavischen Schulen die Regel sei. "Wir", sagt Markert, "treten für ein längeres gemeinsames Lernen und die Inklusion von Behinderten ein". G8 muss nach Ansicht der GEW strukturell reformiert werden; Ganztagsschulen von der "offenen in die gebundene Form" kommen (auch zum Ausgleich von Bildungschancen) und die Schulsozialarbeit "Teil der Schule" werden. Zur Finanzierung der Bildung brauche es mehr Ressourcen, im Rahmen der Lehrerversorgung größere Vertretungsreserven.

Klaus Käppeler geht mit den Wünschen der GEW konform. Ein "verpflichtendes Kindergartenjahr" nennt er zwingend; die Grundschulempfehlung gehöre abgeschafft mit dem langfristigen Ziel einer gemeinsamen Schule bis Klasse 10. "Herkunft darf nicht Schicksal sein?" Hierzulande sei dem sehr wohl so, beklagt Käppeler – und weiß aus trauriger Erfahrung als Grund- und Hauptschulrektor, dass sich der Hauptschüler dafür schämt, eben das zu sein.

Dominic Esche plädiert ebenso für ein "ganzheitliches Schulsystem" mit einem verpflichtenden Kindergartenjahr "für die zehnjährige Basisschule". Auch er will die Grundschulempfehlung abgeschafft wissen und vor der gymnasialen Oberstufe ein "Brückenjahr" möglich machen. Alle Kinder, behinderte wie nicht behinderte, sollen die gleichen Chancen haben – auch später im Falle eine Studiums. In diesem Zusammenhang prangert der Grüne die Studiengebühren an – mit ihnen sei "keine Chancengleichheit" gegeben.

Auch Eberhard Jaensch fordert ein zehnjähriges gemeinsames Lernen nach finnischem Vorbild – das behinderte Kinder mit einschließt. Im bestehenden, selektiven Schulsystem hält er eben das für unmöglich, überhaupt sei es "nicht leistungsfähig" und "nimmt nicht jedes Kind mit". Aber: "Wir dürfen keines zurücklassen." Des Weiteren wünscht sich der Linke kostenlose Betreuungsangebote.

Dörte Conradi tritt für das gegliederte Schulwesen ein, weil damit die "begabungsgerechte Entwicklung besser gegeben" sei. Leistungsvergleiche belegten das: In Sachen Bildung liege Baden-Württemberg mit an der Spitze. Im übrigen sei mit der Festlegung nach Klasse 4 nicht über den späteren Schulabschluss entschieden. In der Verknüpfung von sozialer Herkunft und Schulerfolg verweist die Christdemokratin auf eine positive Entwicklung.

Andreas Glück sieht im ländlichen Raum die Strukturen für Gesamtschulen etwa nach amerikanischem Vorbild nicht gegeben. Umgekehrt biete beispielsweise Hechingen eine große Schulvielfalt, die auch den Liberalen hinter dem dreigliedrigen Schulsystem stehen lässt. Wobei er alternative "lokale Lösungen" nicht grundsätzlich ausschließen möchte, wenn etwa vor Ort einmütig anderes gewünscht werde.

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