Besser früh investieren als später reparieren

Kurz vor der Bundestagswahl erhielten alle Elternbeiratsvorsitzenden und alle Schulleiter im Land einen Brief von Kultusministerin Annette Schavan. Darin wurde die Unterrichtsversorgung im Land und auch im Kreis Biberach als stabil dargestellt. Von Poolstunden war ebenso die Rede wie von einer Krankheitsstellvertreter-Reserve. Um Lehrerausfall zu begegnen stünden Geld-Mittel zur Verfügung. Ähnliches konnte ich auch einer Kleinen Anfrage zur Unterrichtsversorgung im Kreis Biberach entnehmen.

Ende November erhielt ich eine e-mail der Elternbeiratsvorsitzenden der Grund-, Haupt- und Werkrealschule Ertingen mit dem Titel: „Michel-Buck-Schule in Not!“ Am 6. Dezember titelte die Schwäbische Zeitung Biberach auf der Kreisseite unter dem Stichwort Lehrermangel: „Die verlässliche Grundschule kriselt.“

Die Situation an den Schulen wird schöngeredet – dies offenbart sich mir von Woche zu Woche deutlicher.

Im Folgenden zeige ich Befund und Maßnahmen auf, die für die SPD – Landtagsfraktion von zentraler Bedeutung für die Bildungspolitik in der laufenden Legislaturperiode darstellen.

Befund:

Der Bildungsstand der Eltern entscheidet in Deutschland stärker über den Bildungserfolg der Kinder als in den meisten anderen Industrienationen.

Kinder aus Familien mit niedrigem Bildungsstand haben in Deutschland eine dreimal höhere Wahrscheinlichkeit, nur unzureichend Lesen und Schreiben zu lernen als ihre Altersgenossen aus privilegierteren Elternhäusern. Diesen Befund ermittelt nicht nur die PISA- Studie vom Dezember 2001, sondern auch die OECD- Studie vom Oktober 2002 und die Unicef-Studie vom November 2002.

Die frühkindliche Entwicklung ist vorentscheidend für jede weitere Entwicklung – eine grundlegende Erkenntnis, die sich aber (noch) nicht durchgesetzt hat.

  • In Deutschland und insbesondere in Baden-Württemberg gibt es nur ganz wenige Krippenplätze
  • Das Angebot für die Betreuung und Bildung unserer „Vorschulkinder“ ist völlig unzureichend
  • Die Bildungsbeteiligung der Kinder aus sozial schwachen Familien ist dramatisch niedrig: Nur 45 Prozent der Kinder ab drei Jahren arbeitsloser Eltern gehen in den Kindergarten (McKinsey)
  • In Deutschland gibt es die Neigung, Kinder später einzuschulen als möglich
  • In Deutschland ist im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern für die Betreuung kein Lehrplan vorgeschrieben
  • Unzureichende Qualitätssicherung bei Kindergärten und Kindertagsstätten
  • Nur 2 Prozent aller Verantwortlichen in der frühkindlichen Bildung verfügen in Deutschland über einen Hochschulabschluss, in anderen Ländern ist die Hochschullaufbahn für Erzieherinnen und Erzieher der gängige Weg
  • Differenziertes Schulsystem, das Auslese betreibt und nicht integriert.

Folgende Maßnahmen halte ich für unumgänglich, wobei ich ausdrücklich darauf verweise, dass es sich noch nicht um die Haltung der Landtagsfraktion handelt, weil einige Änderungen der Gegenfinanzierung und der Diskussion über daraus entstehende Konsequenzen bedürfen :

  1. Stärkung der Elementarbildung und Grundschule
    • Kindergärten werden aufgewertet, sie sind Bildungs- und Erziehungseinrichtungen und arbeiten nach einem Curriculum
    • Im 5. Lebensjahr wird eine Sprachstandsdiagnose durchgeführt und notwendige Fördermaßnahmen sind für die Kinder verpflichtend und kostenfrei
    • Gezielte Sprachförderung als integrierter Bestandteil einer ganzheitlichen Erziehung
    • Für jedes Kind wird ein individueller Entwicklungs- und Förderplan erstellt
    • Notwendig ist dazu eine qualifiziertere Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher
    • Gezielte Förderung von Kindern und Eltern aus sozial schwachem Umfeld
    • Zusammenfassung von Elementarbildung und Grundschule in einem Verantwortungsbereich

     

  2. Ausbau der Grundschule
  3.  

    • 6 jährige Grundschule
    • Ausbau der Kooperation Grundschule-Kindergarten
    • Integration von Kindern mit Behinderung
    • Max. Klassengröße 25 Kinder
    • Kein „Sitzenbleiben“
    • Individuelle Förderung
    • Zusätzliches pädagogisches Fachpersonal je nach Bedarf
    • Mind. 20 Prozent der Grundschulen werden Ganztagsschulen

     

  4. Einführung der „Gemeindeschule“
    • Regionale Schulen, die unter einem Dach Realschul- und Hauptschulabschluss ermöglichen
    • Ganztagsschulen
  5. Weitgehende Autonomie für Schulen im Rahmen der Gesetze
    • Personalhoheit
    • Evaluation
    • Lehrerarbeitsplatz an Schule
    • Deputate nach Schulstufe, Klassengröße und Fächern
    • Kleine Klassen bei niedrigen Klassenstufen – je höher, desto größer die Klassen
    • Neuausrichtung und neue Aufgabenbestimmung der Schulverwaltung: Schaffung regionaler Schulämter und Auflösung der Staatlichen Schulämter und Oberschulämter

Klaus Käppeler MdL

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