Auch Schulleiter protestieren

Münsingen  "Und man sieht nur die im Licht. Die im Dunkeln sieht man nicht" – diesen Leitgedanken von Bertold Brecht hat die "Schule mit Zukunft" aufgegriffen und sich in ganz Baden-Württemberg erneut für ein besseres und erfolgreicheres Schulsystem mittels Lichterketten stark gemacht. "Wir geben nicht auf und versuchen stets im Gespräch zu bleiben", sagte Bettina Last, Gesamtelternbeirätin der Münsinger Schulen, am Freitagabend zu den Teilnehmern, die sich zwar nicht besonders zahlreich aber dafür umso überzeugter beim Münsinger Rathaus eingefunden hatten, um ihren Protest gegenüber dem jetzigen Schulsystem und der aus ihrer Sicht recht mangelhaften Bildungspolitik kundzutun.
 
Mit Nicole Breitling, Wilhelm Holderle und Klaus Käppeler konnten drei Hauptschulleiter direkt von der Basis über ihre Erfahrungen berichten und allesamt betonten sie die Notwendigkeit einer sechsjährigen Grundschulzeit. "Der immense Druck, dem die Kinder bereits ab der 3. Klasse ausgesetzt sind, wird oft weder von Eltern noch von Lehrern richtig wahrgenommen", bemängelte Wilhelm Holderle von der Auinger Hardtschule.
Als hehres Ziel werde in den meisten Fällen von Anfang an der Besuch des Gymnasiums angestrebt, weil man hier ganz automatisch von den wenigsten sozialen Problemen ausgehe.
 
Dies sei jedoch ein großer Trugschluss, auch an Realschulen und Gymnasien fehle es häufig an Sozialkompetenzen, meinte Holderle und forderte die Gesellschaft dazu auf, die zumeist hervorragenden Konzepte an den Hauptschulen und die Wohnortnähe wieder besser in den Blick zu nehmen.
 
"Die sechsjährige Grundschule ist für mich das erste große Ziel", bezog Klaus Käppeler, Schulleiter der Hohensteinschule, Stellung. Bereits nach dreieinhalb Jahren Schulzeit hänge die Grundschulempfehlung wie ein Damoklesschwert über den Schülern, oft bleibe die Hauptschule als "Restschule" zunächst einmal außen vor. "Wir kämpfen jeden Tag dafür, unseren Schülern gute Lernangebote machen zu können und haben hervorragende Ergebnisse erzielt", meinte Käppeler und regte dazu an, in der Gesellschaft die Lobby für die Hauptschulen zu stärken.
 
Dass diese fehle, hätte die teilweise Schließung der Hauptschule Hayingen deutlich gemacht: "Mir ist nicht bekannt, dass sich hier auch nur ein Elternteil öffentlich dagegen ausgesprochen hat".
 
Bettina Last machte noch einmal die Forderung von "Schule mit Zukunft" deutlich: "Individuelle Förderung der Schüler, weniger Unterrichtsausfall, bessere Lernbedingungen, Neudefinition der Lehrerausbildung und als Fernziel eine zehnjährige Basisschule für alle Kinder". Es könne nicht sein, dass nach wie vor Bildung vom Geldbeutel der Eltern abhängig sei.
 
Professor Dr. Jörg Haug, ehemaliger Schulleiter in Bad Urach und Reutlingen, kritisierte insbesondere die Stofffülle am achtjährigen Gymnasium sowie das Festhalten am Glauben, eine Schule verfüge über ein Wissensmonopol. "Die Vermittlung von Sozialkompetenz und Toleranz ist wichtiger als ein vollgestopfter Stundenplan, doch das hat die Bildungspolitik noch nicht erkannt", so Haug, der vor allem gegenüber dem Thema Werkrealschule einen großen Groll hegt. "Ich habe mich bei den Schulleitern in der Region umgehört, die sind alle dagegen".
 
Haug forderte zu weiteren Protesten auf: "Auch wenn im Moment eine Änderung nicht in Sicht ist, weil die falschen Weichen gestellt wurden, dürfen wir nicht aufgeben. Protest ist nach wie vor angebracht", betonte Haug. Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hat diese erneute Protestaktion unterstützt, bei der es darum geht, Chancengleichheit zu gewährleisten, individuell zu fördern und niemanden auszugrenzen oder zu selektieren.

Alb Bote, 02.02.2009

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