Auf Sicht fahren

Zwiefalten  „Finanzkrise und Wirtschaftskrise gleich Krise der Demokratie?“, hatte Klaus Käppeler den Vortrag überschrieben und damit Gerster einen Rahmen vorgegeben. So zeichnete der 37-jährige Redakteur und Politikwissenschaftler im Gasthof „Post“ vor knapp 30 SPD-Mitgliedern und politisch Interessierten die Ursachen der Finanzkrise nach. 

2008 werde als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem die Herrschaft der marktradikalen Kräfte einen Knick bekommen hat, konstatierte Gerster. Die Finanzkrise ist für ihn eine Folge der Auswüchse des Marktradikalismus, ohne auf das Soziale in der Gesellschaft zu achten und nur auf die schnelle Rendite zu setzen. Dazu komme die Tatsache, dass in den USA Banken über viele Jahre Kredite an Leute vergeben hätten, ohne deren Bonität gründlich zu prüfen, sagt der Bundestagsabgeordnete, der von 1999 bis 2001 beim Democratic National Commitee unter anderem für die Wahl von Hillary Clinton als Senatorin von New York arbeitete. Eher kritisch steht Gerster den Vergleichen mit dem Jahr 1929 gegenüber: Während damals jeder Staat für sich allein versucht hatte, die Krise zu meistern, werde heute auf eine intensive internationale Zusammenarbeit gesetzt.

Gerster stellt klar, dass niemand über ein Patentrezept verfüge, wie sich die Krise am besten meistern lasse. Dennoch zeigt sich der Biberacher SPD-Abgeordnete überzeugt, dass sie auch eine Chance biete. „Soziale Errungenschaften können uns helfen, die Krise zu bewältigen“, betonte der passionierte Skifahrer und leidenschaftliche Mainz 05-Fan. Die Politik habe jetzt die große Möglichkeit, sich von den Wirtschaftsleuten die Entscheidungskompetenz zurückzuholen, wie es weitergehen kann. 

Eines ist dabei klar: „Wir brauchen neue Regeln für das Finanzsystem“, betont der Abgeordnete aus Biberach, der im Finanzausschuss des Bundestages sitzt. Dazu gehören eine Verbesserung der Bankenaufsicht und eine Neuregelung des Systems der Rating-Agenturen. Es müsse darauf hingearbeitet werden, dass Bankmanager – und eventuell auch Broker – vorsichtiger mit dem Geld anderer Leute umgingen. 

Gerster hält die derzeit von Finanzminister Per Steinbrück („ein Glücksfall“) praktizierte Politik nach der Devise – wir fahren auf Sicht“ – für richtig. Vorschlägen – wie Konsumgutscheinen oder einer Senkung der Mehrwert- oder Einkommensteuer – steht er eher skeptisch gegenüber. Etwas aufgeschlossener bewertet er den Vorschlag von Bundesbildungsministerin Annette Schavan, jede Schule mit 100 000 Euro und jede Universität mit 500 000 Euro zu unterstützen: „Das können wir uns anschauen.“ Am 5. Januar 2009 werde sich die Bundesregierung zusammensetzen und über weitere Unterstützungshilfen beraten. 

Eine Gesellschaft sollte, sagte Gerster, „menschenwürdig, lebenswert und auf die Zukunft ausgerichtet sein“. Hier sieht er eine große Chance für die Sozialdemokratie, deren Wertesystem stimme. Eine Aussage, welche die Anwesenden mit Blick auf die Bundestagswahl 2009 gerne gehört haben. 


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Alb-Bote, Samstag 13.12.2008<//font>