Das Schweigen brechen

Mägerkingen  Eine Gruppe von gewaltbereiten Skinheads mit rechtsextremer Gesinnung hatte im Mai 2006 ein Grillfest in Burladingen überfallen und zuvor in Trochtelfingen junge Leute angegriffen. Zwei der Anführer wurden im Frühjahr vergangenen Jahres zu Haftstrafen verurteilt. Zuvor hatte die beiden jungen Männer „massiv versucht, weitere Anhänger zu gewinnen“, sagte der Vorsitzende des SPD-Ortsverbandes Sonnenalb, Frank Schröder zu Beginn der Diskussionsveranstaltung im Gemeindehaus Mägerkingen mit Kriminaldirektor Bernd Hummel von der Landespolizeidirektion Tübingen und dem Biberacher SPD-Bundestagsabgeordneten Martin Gerster. Das Ordnungsamt Trochtelfingen habe gegen zwei weitere Männer aus der Szene ein Aufenthaltsverbot verhängt.
 
Obwohl es seither etwas ruhiger geworden ist, bleiben die Aktivitäten der rechten Szene in der Region ein Thema, sagte Hummel und verwies auf die Pläne der NPD, in Straßberg bei Ebingen ein Anwesen zu kaufen, um dort einen Stützpunkt mit Schulungszentrum einzurichten.

Die Polizei verzeichnete laut Hummel im vergangenen Jahr im Kreis Reutlingen 51 Straftaten mit rechtsextremistischem Hintergrund. Darunter waren zehn Gewaltdelikte, neun konnte die Polizei aufklären. Der überwiegende Teil fällt damit unter den Bereich der Propagandadelikte. Oft bleibe es jedoch nicht dabei, sondern daraus entwickle sich die Bereitschaft zu Gewalt, sagte Hummel. Landesweit registrierte die Polizei im vergangenen Jahr 1089 Straftaten mit rechtsextremem und fremdenfeindlichen Hintergrund, so Hummel. Zugleich erinnerte er an Umfragen, denen zufolge 40 Prozent der Deutschen die Bundesrepublik für „überfremdet“ halten und 15 Prozent der Bevölkerung rechtsextreme Einstellungsmuster vertreten. Insbesondere der NPD gelinge es derzeit, erfolgreich neue Strukturen aufzubauen. „Die NPD wird zum rechten Sammelbecken“, ergänzte Gerster. Dabei sei das Bild glatzköpfiger Leute mit Springerstiefeln oftmals gar nicht mehr zutreffend, sondern die Rechten würden akkurat gekleidet auftreten und als ordentliche Bürger für ihre Ideen werben. Besonders verhängnisvoll seien so genannte niedrigschwellige Angebote, wie beispielsweise die Verteilung von Musik-CDs auf Schulhöfen oder das von Gerster erwähnte Beispiel eines Angebots zur Hausaufgabenhilfe für Schüler. Gerade bei Jugendlichen stoßen oft auch die Konzerte mit Nazirockbands auf Gegenliebe. Mit Hilfe eine Bekannten versuchten rechtsextreme Aktivisten zum Beispiel Kontakt zu Mitgliedern von Bauwagen-Cliquen auf der Alb zu bekommen und den einen oder anderen dann für ihre Ziele zu gewinnen, berichtete Hummel.
 
Nach Einschätzung von Gerster seien oftmals diejenigen Jugendlichen offen für die NPD, die ihren Platz in der Gesellschaft nicht gefunden hätten, denen es an Anerkennung und Perspektiven fehle. Um dem entgegenzuwirken, müsse die Gesellschaft die jungen Leute mitnehmen, sei es in der Schule oder den Freizeitangeboten der Vereine. Wichtig sei auch, rechte Aktivitäten zu thematisieren und nicht zu verschweigen. Seien gesetzliche Sanktionen erforderlich, gehe es nicht vorrangig darum, junge Leute wegzusperren, sondern ihnen die gültigen Normen zu verdeutlichen. Er warb für Strafen wie zum Beispiel den von der Stadt Trochtelfingen ausgesprochenen Platzverweis oder ein Fahrverbot, das weitaus mehr Wirkung zeige, als eine Geldbuße oder Arbeitsauflage, betonte Hummel. Problematisch nannte er die oftmals „fehlende Erziehungskraft der Eltern“, es fehle daher an einer Normverdeutlichung in den Familien. Schulen und Vereine seien überfordert, dies auszugleichen.
 
In der Diskussion warb Dr. Horst Prautzsch für eine noch frühere Aufklärung in den Schulen und forderte jeden einzelnen Bürger auf, aktiv zu werden, sobald er in seinem Umfeld auffällige Beobachtungen mache.

Im evangelischen Gemeindehaus in Mägerkingen diskutierten am Donnerstagabend Kriminaldirektor Bernd Hummel von der Landespolizeidirektion, der Vorsitzende des SPD-Ortsverbandes Sonnenalb, Frank Schröder und der Biberacher Bundestagsabgeordnete Martin Gerster über das Thema Rechtsextremismus in der Region. Foto: Ralf Ott

Alb Bote, 05.07.2008